Ein Jahr SUV – das GLC Experiment | Teil 2

Werksabholung.
Ein Wort, oft gelesen, immer ignoriert.
Werksabholung. Das ist einer dieser Posten in den Online-Konfiguratoren der Automobilhersteller, die ich stets ignoriere. Dachhimmel anthrazit? Klicke ich immer an. Schönere Felgen? Auch. Soundystem? Na klar. Aber Werksabholung? Da geht der Konfigurator doch in die Realität über und nimmt an, dass ich den Wagen auch tatsächlich übernehme?!
Das traf aber in 100% der Konfigurationen der Vergangenheit nicht zu. Am Konfigurator vertreibt man sich ja die Zeit oder phantasiert sich sein Traumauto zusammen. Oder beides. Aber wer schließt am Ende der Konfiguration schon einen Kauf- oder Leasingvertrag ab?

Bremen.

Bei mir war es jetzt endlich mal der Fall. Bei meinem GLC habe ich Werksabholung angeklickt. Also, nicht ich habe das getan, sondern mein Verkäufer, der Herr Neumann aus Köln, hat Werksabholung für mich angeklickt. Und es ist ja so praktisch. Erstens spart ein paar Euro für die entfallene Überführung, und zweitens kann für die Knete – in diesem Fall – nach Bremen fahren und bekommt on top noch eine Werkstour spendiert (siehe Teil 2).
Nach der Führung war es dann soweit: ich wurde in den hinteren Teil des Empfangsgebäudes geführt. Dort trennt eine Glaswand die Besucher von der Fläche, auf die Werksmitarbeiter in unregelmäßigen Abständen neue Autos des Daimler-Konzerns fahren. Akkurat, mit der Schnauze nach vorne wurden die frisch produzierten Preziosen platziert. Vor dieser Glaswand laden Sitzgarnituren zum Verweilen ein. Zeitschriften liegen aus. Eine Dame an der Bar spendiert Kaffee und kalte Getränke. Wer mag, versüßt sich die Wartezeit mit einem Stück Kuchen aufs Haus. Eine heiße Suppe ist auch im Angebot.

Versüßt die Wartezeit: die Werkssuppe.

Alles ganz adrett und gesittet.
Ich schaue mir alles an. Höre hin.
Es ertönt eine Stimme aus der Sprechanlage. Sie kündigt an, dass das Auto für Herrn oder Frau XY nun bereit stehe. Ich schaue mich um. Die Stimme gehört einem Herrn, der hinter einer Art DJ-Pult steht. Nur spielt er nicht die neusten Hits von David Guetta oder Rihanna. Er ist der Maître de Werksabholung. Er überblickt nicht nur den Raum der wartenden Neuwagenabholer, sondern auch einen Haufen Dokumente. Ich gehe zu ihm und reiche ihm den Papierkram. Er blickt auf und säuselt professionell wie ein Gastgeber ersten Ranges: „Herr Jancke, schön, dass Sie da sind.“ (Ich weiß dabei nicht, ob er mich erkannt hat, es wirkt nicht so). „Nehmen Sie doch bitte noch etwas Platz und gönnen Sie sich etwas zu essen und zu trinken. Ihr Wagen wird in wenigen Minuten vorgefahren.“
Ich gönne mir also eine Suppe, bestelle einen Kaffee. Nehme Patz. Ich verkürze mir die Wartezeit, in dem ich versuche zu erraten, welcher der Anwesenden wohl welches Fahrzeug erhalten wird. Manchmal liege ich daneben. Manchmal nicht.

Welcher darf es denn sein?

Dabei merke ich: ich bin nicht der Einzige, der einen GLC abholt. Kein Wunder, das Teil verkauft sich ja wie geschnitten Brot. Also sind noch andere Kunden mit Kompakt-SUV Wunsch anwesend, Damen und Herren mit silbernem Haar, aber auch jemand in meinem Alter. Einer hat sich direkt den GLC 43 gegönnt. Ich schaue kurz zu Boden und überlege, ob der nicht auch noch drin gewesen wäre. Das ältere Ehepaar macht dem Ruf der Rentnerautos alle Ehren. Es hatte sich für einen erdfarbenen GLC entschieden, in der absoluten Bockwurstversion. Heisst: Aufpreis bezahlt für die bräsig braune Farbe aber dann keinen Cent Stil mehr in das Auto gesteckt. Ich frage mich, ob ich im Alter auch mal so sein werde. Aber noch ist es nicht soweit. Noch warte ich auf ein sportliches SUV mit kraftvoll-dezentem Antrieb.
Ich schaue auf. Hinter die Glaswand. Da! Das muss er sein! Denke ich. Aber es fährt nur ein fast identischer GLC ein, mit einem anderen Kennzeichen. Ich beruhige mich wieder. Irgendwie finde ich Gefallen an dieser Konstellation. Es liegt eine knisternde Spannung in der Luft. Aber es gibt auch weniger glamouröse Fahrzeuge auf der Fläche. Ich will zum Beispiel nicht mit demjenigen tauschen, der sich für den soeben platzierten Smart Fortwo entschieden hat. Dagegen kann ich die freudige Erregung der asiatisch wirkenden Herrn verstehen, die hinter der Glasfassade gerade um ein weisses C 63 Coupé herumtänzeln wie frisch getaufte Katholiken um das Taufbecken. Wie sie aufgeregt mit den lieben Verwandten telefonieren und haufenweise Fotos schießen, als müssten sie ihn gleich wieder abgeben. Der Autokauf als religiöser Akt. Ich schreib da mal ein Buch drüber.
Dann sehe ich ihn zum ersten Mal. Meinen Wagen. 

Das Auto, das ich mir zusammenkonfiguriert hatte. Das Auto, das ich jetzt, zum ersten Mal in meinem Leben, in einem Werk abholen sollte. Wäre ich gerade zur Toilette gegangen (Suppe, Kaffee…), dann hätte ich diesen Moment aller Momente an diesem Tag verpasst. Erst blitzt mein Kennzeichen durch die Toreinfahrt. Dann schiebt sich eine schwarze Masse nach, aus der meine Augen und mein Hirn innerhalb von Millisekunden einen schwarzen Mercedes-Benz GLC 250d mit Chromleisten und AMG-Paket machen.
Eine Dame sitzt am Steuer. Sie manövriert das Fahrzeug in die hinterste Ecke.
Bitte wohin?
Na schönen Dank auch! So lange gewartet und dann reicht es nur für die billigen Plätze. Egal.
Ich warte geduldig, bis mein Name aufgerufen wird.
„Der Wagen für Herrn Jancke steht bereit.“ Nein, es ist kein Engelschor der das verkündet. Es ist der DJ an der Interkom. Niemand dreht sich um. Kein Blumenstrauß. OK, hab ich auch nicht erwartet. Stattdessen nimmt mich ein freundlicher, anzutragender Herr in Empfang. Er führt mich zu meinem Fahrzeug. Jeder Schritt vollzieht sich jetzt in Zeitlupe, es geht erst durch die Glastür, dann auf die Präsentationsfläche. Vorbei an einem weißen Fahrzeug. Wir lassen einen anderen GLC links liegen. Im Hintergrund feiern die Asiaten immer noch ihre AMG Party. Dann schiele ich hin, zu dem schwarzen Softroader, der stolz mein Kennzeichen trägt, der da so formvollendet konfiguriert die hintere Ecke mit seinem noch jungfräulichen obsidianschwarzen Lack und den frisch polierten Chromleisten erhellt.
Das ist er also. Meine neuer Neuer.

Nur geleast. Freuen darf man sich aber trotzdem.

Es fühlt sich an wie ein Date, keine Zusammenführung von Tinder oder Elitepartner, sondern wie eine, die feinsäuberlich arrangiert wurde. Ich weiß, wen ich erwarte, zumindest glaube ich das. Der GLC aber weiß nicht, wer ihn in die weite Welt entführen will. Es scheint ihn auch nicht zu beeindrucken.
Es fühlt sich gut an, erstmal über den Lack der Motorhaube zu streicheln, statt als erstes ein Bild von mir und dem Auto machen zu müssen, um es auf Instagram hochzuladen. Bezahlte Partnerschaft mit Mercedes-Benz? Nix da. Das ist meiner. OK, geleast. Aber nicht geschenkt. Ich hab ihn bezahlt, dafür, dass er in den kommenden zwölf Monaten mein Wegbereiter und Wegbegleiter wird.

Hat das Leben noch vor sich.

Der Herr Erklärbär im Anzug (ich meine das mit allem Respekt) dreht mit mir eine Runde um das Auto. Setzt sich mit mir rein. Er erzählt mir was von „toller Entscheidung“, „schlau konfiguriert“, „kaum was ausgelassen“, „wow das edle Soundsystem ist auch mit drin“, „das sind wirklich stattliche Felgen“ „ich erkläre Ihnen mal das Navi“ und „hier ist die Automatik für die Lichteinstellung“. Vielmehr lerne ich nicht.

Und das da ist das Lenkrad: Betriebsanleitung im Anzug.

Zwei Dinge fallen mir auf. Dass der Navibildschirm des günstigen Infotainmentpakets eher mickrig ist. Und dass die Trittbretter zwar sehr markant sind und den maskulinen Auftritt des Wagens verstärken, dass man beim Aussteigen aber auch einen ordentlichen Spagat proben muss, um nicht mit den Waden an den Brettern hängen zu bleiben.

Postkarte für die Lieben daheim. Man beachte die massiven Trittbretter.

So what. Ich bin happy. Ich danke dem Anzugträger, erhalte die beiden Schlüssel und platziere den Wagen für ein paar Schnappschüsse doch noch im Zentrum der Werksabholerhalle. Dann drücke ich den Startknopf, um die ersten echten Kilometer auf die Uhr des neuen GLC zu spulen.

Es geht zur Tanke. Und dann ab auf die Autobahn. Auf Wiedersehen Bremen! Das war sie also, meine erste Werksabholung. Hätte nicht gedacht, dass es soviel Freude bereitet, ausgerechnet diesen Posten anzuklicken.

Und Tschüss.

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