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Januar 2018

Hindernislauf auf peruanisch: Die Land Rover Experience Tour 2017.

Bei der Land Rover Experience lief in diesem Jahr nicht alles nach Plan. Dennoch wurde es eine Erfahrung für Leib und Seele.


Die Hiobsbotschaft kommt aus dem Walkie-Talkie: „Ich hab gerade von meinen local guides die Info bekommen, dass vor uns ein Hang abgerutscht ist“, knarzt es aus dem Lautsprecher. „Kann sein, dass die Strasse dicht ist. Wir müssen uns das mal anschauen. Eventuell kommt da Arbeit auf uns zu.“

Die Nachricht erreicht über ein Dutzend weißlackierte Land Rover Discovery. Die Fahrzeuge des Jahrgangs 2017 hangeln sich zu diesem Zeitpunkt über eine noch intakte Bergstrasse. Intakt nach südamerikanischen Massstäben, was soviel bedeutet wie: im weitesten Sinne befahrbar.

Mind the Gap between the Discovery and the valley.

Die wie an einer Perlenkette aufgereihten Wagen schlagen sich tapfer. Was sich in unseren Städten wie zu groß geratene SUV breit macht, verspielt sich im weiten peruanischen Abenteuerland, zwischen Fünftausendern und majestätischen Schluchten zu kleinen weißen Flecken in der Landschaft.

Der ausgesetzte Pfad ist zerfurcht und durchlöchert, die Insassen sind trotz eines hart schuftenden Luftfahrwerks eher geschüttelt als gerührt. Nebelschwaden erschweren die Sicht. An neuralgischen Punkten aufgestellte Leitplanken mahnen zu umsichtiger Fahrweise, grüßt doch von links der gähnende Abgrund. Eine unachtsame Lenkbewegung und das Abenteuer wäre vorbei. Also bleiben die Augen auf der Strasse. Stundenlang geht es so weiter, bis sich der Weg schließlich in das Dickicht des Urwalds senkt. Serpentinen führen die Kolonne tief in das verregnete Tal hinein, in dem das Team die Nacht verbringen will. Und dann ist sie plötzlich weg, die Strasse.

Die Land Rover Experience Tour, kurz LET, bereist nun schon seit über 15 Jahren entlegene Orte auf der Erde. Mit geländegängigen Fahrzeugen der britischen Traditionsmarke wurde u.a. Bolivien erkundet, die Seidenstraße abgefahren und der Ayers Rock in Australien anvisiert. Dabei sollen stets auch die Nehmer- und Kletterqualitäten der eingesetzten Geländewagen möglichst eindrucksvoll unter Beweis gestellt werden. Immer kam der Tross dabei trotz widriger Bedingungen an Ihr Ziel, getreu dem Firmenslogan „Above and beyond“.

Darüber hinweg und darüber hinaus sollte es auch in diesem Jahr gehen. Das Land: Peru. Die Route: von Lima durch die Atacama Wüste an den Pazifik, weiter in den Urwald bis nach Cusco und mit dem Zug zu dem Traumziel aller Südamerika-Touristen: der sagenumwobenen Inka-Stätte Machu Picchu.

Heute aber, so scheint es in diesem Moment, reißt diese Erfolgsserie. Der Chef der Kompanie entsteigt seinem Wagen und erklimmt als erster den unübersehbaren Haufen aus Steinen, Schlamm und mitgerissener Botanik. Der Abgang muss noch frisch sein, immer wieder rollen weitere Überreste des Hangs bergab. Schnell wird klar, dass Spaten und Kehrblech nicht ausreichen, um die Strasse frei zu räumen. Bis großes Gerät da ist könnte es noch Stunden dauern – bis der nächste Teil des Hangs auf die Strasse donnert womöglich nur wenige Minuten. Auf den Neuankömmlinge der Tour lastest in der Dämmerung ein Mix aus Ungewissheit und Schlafmangel. Noch bevor sich die Körper akklimatisieren konnten ist das versprochene Abenteuer wenig charmante Realität geworden.

Während der Krisenstab darüber beratschlagt, was nun zu tun ist, bauen die Techniker des Tour-Teams ihre Satellitenanlage zum Empfang einer Internetverbindung auf. Der Koch schickt sich an, Kaffee zu kochen, während ein Instruktor sein Satellitentelefon bedient. Im ebenfalls gestrandeten Bus eines peruanischen Reiseunternehmens öffnen sich die müden Augen der Passagiere. Einige schauen dem Treiben der Gringos neugierig zu. Andere setzen sich auf einen Stein und ergeben sich ihrem Schicksal.

Bis nach Satipo, dem Etappenziel der Land Rover Tour sind es theoretisch nur noch wenige Minuten Fahrt. An Umkehren will zu dem Zeitpunkt ohnehin niemand denken, denn eine Retour würde Stunden in Anspruch nehmen. Hinzu käme der erneute, zweimalige Aufstieg auf sauerstoffarme 4.600 Meter über dem Meer. Ungeübte Europäer sind in diesen Höhen anfällig, die Höhenkrankheit zu erleiden.

Während die peruanischen Führer mit dem Busfahrer diskutieren, der angeblich einen Muldenkipper organisieren kann, warten die Discovery geduldig auf die Weiterfahrt. Es sind Serienmodelle, die zusätzlich mit Offroadbereifung, Walkie-Talkies und Dachgepäckträgern samt Ersatzrad und Reservekanistern ausgestattet wurden. Innen teilen sich Einmannzelte, Käsecracker und Inka-Cola den Platz auf den Schonbezügen der ledernen Rückbank. Unter der Haube steckt nicht etwa der bei diesem Fahrzeug standesgemäße Selbstzünder. „Ein Diesel“, so der mitgereiste Techniker, “würde in den Höhen der peruanischen Anden deutliche Leistungseinbussen zeigen“. Stattdessen setzt die Crew auf weniger anspruchsvolle Sechszylinder-Benzinmotoren, die bei Bedarf auch mal auf über 5.000 Meter klettern könnten.

Der fünf Meter hohe Berg aus Steinen vor Ihnen stellt sich nach Inspektion durch die Offroad-Experten im Team jedoch als unüberwindbares Hindernis heraus. Noch bevor das WLAN-Signal etabliert und der Kaffee fertig gebrüht ist, fällt die Entscheidung zur Umkehr.

„Selbst wenn wir die Strasse frei kriegen: im Amazonasbecken sind die Wege durch den Regen extrem aufgeweicht. Unser Scout steckt gerade mitten drin. Es hat keinen Zweck. Wir müssen zurück“, gesteht der unermüdlich optimistische Instruktor mit etwas traurigem Blick und fügt erstaunt hinzu: „Das gab es in 16 Jahren LET noch nie.“

Es ist der Beginn einer Pannenserie, die den Machern ihr ganzes Organisationstalent abverlangt. Während der Tross sich mit Cola statt Kaffee für den anstrengenden Weg stärken muss und geordnet mit dem Rückzug beginnt, werfen die Planer den ursprünglichen Ablauf der Tour komplett über den Haufen. Statt Kaffeeplantagen, Stechmücken und Dschungel stehen nach überstandener Andenüberquerung nun eine Durchquerung der Wüste und eine Campingnacht am Atlantik auf dem Programm.

Hier ist was los.

Kein schlechter Tausch für die Neuankömmlinge, denn Peru entpuppt sich im weiteren Verlauf als Land der Vielfalt, das hinter Windschutzscheibe des Discovery wie ein bunter Film an den Passagieren vorbei rauscht.

Runter immer- rückwärts … naja.

Alpakaherden kreuzen mutig den Weg, Schotterstrassen geraten zur Gewohnheit. Wetterkapriolen, wechselnde Landschaften und die Informationen aus dem Walkie-Talkie zu Land und Leuten sorgen für Abwechslung an Bord. Angehalten wird zum Rudeltanken, zum Übernachten und um am Fuße der ersten Dünen Luft aus den Reifen abzulassen. „Mit prallen Reifen bleibst Du stecken, egal in welchen Auto“, kommentiert ein Instruktor das Manöver. 20 psi verbleiben im Reifen, ABS und die Stabilitätsprogramme werden ausgeschaltet und schon kann der kontrollierte Ritt durch die Dünenlandschaft beginnen.

Was zwischenzeitlich spassig wirkt wie eine Achterbahnfahrt, verlangt nach Konzentration und Fahrpraxis. „Es ist keine Schande hier stecken zu bleiben“, sagt ein Instruktor durch das Funkgerät. „Vermeiden wollen wir es bei 34 Grad Außentemperatur trotzdem.“ Ein stärkeres Kontrastprogramm als die Wüste kann es nach der nasskalten Erfahrung im Dschungel nicht geben. Die Karawane wirbelt feinsten, knochentrockenen Sand zu hohen Staubsäulen auf. Abstand zum Vordermann zu halten ist Pflicht, will man die grandiose Aussicht auf die faszinierenden Landschaften der Atacama-Wüste, die früher Teil des Meeres war und vereinzelt versteinerte Wal-Skelette freigibt, nicht verpassen.

Zum Dinner am Pazifik wird abends landestypische Céviche gereicht: in Limettensaft gegarter roher Fisch mit roten Zwiebeln, Koriander, Süßkartoffelbrei und frischen Maiskörnern. Peru, so die einhellige Meinung im Team, schmeckt unnachahmlich gut.

Limetten!

Wer den Andenstaat aber verläßt, ohne seine Hauptattraktion Machu Picchu gesehen zu haben, der hat nach landläufiger Meinung etwas verpasst. Der Weg in die Inka-Hauptstadt Cusco ist durch den Rückzug an den Strand nur noch per Flugzeug zu erreichen. Für die Organisatoren beginnt hier das Finale eines echten Stresstests. In Pisco werden die Autos abgestellt. Als das gesamte Team schon in Flugzeug sitzt, heißt es: bitte wieder Aussteigen. Ein Gewitter in Cusco macht den Abflug unmöglich. Nach einer weiteren Übernachtung soll der Start um 4 Uhr morgens erfolgen – im Morgengrauen des nächsten Tages machen nun aber die entladenen Batterien des Jets einen Strich durch die Rechnung. Der gerade erst eingeweihte Flughafen verfügt über keine Mittel, die Elektronik von aussen hochzufahren. Es wird ein Rennen mit der Zeit. Erst in einer aus Lima georderten Ersatzmaschine gelangt die Mannschaft am Mittag ans Zwischenziel Cusco. Aber wird es reichen, um die Bahn zum Machu Picchu zu erwischen? Der Zugang zur hochgelegenen Touristenattraktion ist streng reglementiert und nicht beliebig anzufahren. Das Team verteilt sich auf diverse Taxen und nach über einer Stunde aufreibender Fahrt ist der Bahnhof erreicht. Der Schaffner will dem Zug bereits die Abfahrt signalisieren als die letzten Tour-Teilnehmer schnaufend die Waggons entern. Das Abenteuer Peru geht auf die Knochen.

Dann aber ist der Weg ins Inkareich frei und weitere drei Stunden später, beim ergreifenden Blick auf Machu Picchu, alle Anstrengung vergessen.

Nix Photoshop! Hart erarbeitetes Touri-Bild.

 

[als Artikel erschienen u.a. in der Nürtinger Zeitung und in der Autostimme]